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Manchmal fühlt sich das Anfeuern der gegnerischen Mannschaft besser an, als ein Sieg der eigenen

Es war das ungewöhnlichste Spiel in der Geschichte des High School Footballs.

In Grapevine, Texas, spielte das Team Grapevine Faith (Lions) gegen Gainesville State School (Tornadoes). In diesem Spiel war fast nichts, wie es sein sollte. Als die Spieler der Tornadoes aufs Feld liefen, formten die Lions-Fans einen Tunnel und feuerten sie an.

Wie bitte? Die Fans des anderen Teams?

Sie hielten sogar selbstgemachte Plakate hoch, durch die die Spieler durchlaufen konnten: „Go Tornadoes!“ Auch das ist seltsam, denn sie waren ja eigentlich die Lions.
Mehr als 200 Lions-Fans sassen auf der falschen Seite und feuerten die Spieler von Gainesville an. Sie kannten sogar ihre Namen.



Gainesville Quarterback Isaiah erinnert sich: “Nie im Leben hätte mir vorstellen können, dass einige Eltern uns anfeuern, während wir gegen ihre Kinder Football spielen. Sie wollten sogar, dass wir gewinnen.“

Obwohl die Lions sie mit 33 zu 14 schlugen, waren die Gainesville-Spieler nach dem Spiel so glücklich, dass die ihrem Coach Mark Williams eine Gatorade-Dusche verpassten, so als hätten sie die Kreismeisterschaft gewonnen. Das war wahrscheinlich das erste Mal, dass ein Trainer nach 9 Niederlagen eine Freudendusche abbekommen hat.

Aber dann kamen 12 Beamte in Uniform, die die 14 Spieler von Gainesville vom Platz eskortierten. Sie teilten sie in Gruppen ein, legten ihnen Handschellen auf dem Rücken an und geleiteten sie zum Teambus. Denn Gainesville ist eine Hochsicherheits-Vollzugsanstalt. Das Footballteam besteht aus Gefangenen und hatte noch nie ein Heimspiel. Jedes Spiel ist ein Auswärtsspiel.

Die ungewöhnliche Aktion begann, als Kris Hogan – Trainer der Grapevine Lions – die Idee hatte, etwas Besonderes für das Knast-Team zu tun. Die Teams haben noch nie gegeneinander gespielt, aber es war so gut wie sicher, dass die Lions gewinnen würden. Die Jungs aus dem Gefängnis hatten noch kein Spiel in dieser Saison gewonnen.
Und: Die Lions haben einen grossen Kader, genug Trainer und die beste Ausrüstung. Gainesville dagegen hat Spieler, die wegen Drogenmissbrauchs, Körperverletzung und gewaltsamen Überfällen verurteilt wurden. Viele von ihnen wurden von ihren Familien verstossen und ausserdem spielen sie mit völlig veralteter Ausrüstung.

Hogan überlegte: „Was wäre, wenn die Hälfte der Fans für einen Abend das gegnerische Team anfeuern würde?“ Er bat die Fans in einer Email, genau das zu tun. „Die Botschaft, die rüberkommen soll, ist, dass die Knast-Jungs genauso wertvoll sind, wie jede andere Person auf der Erde.“
Einige Leute waren natürlich verwirrt. Einer seiner Spieler kam in sein Büro und fragte: „Coach, warum machen wir das?“ Hogan antwortete: „Stell dir mal vor, du hast kein zu Hause. Stell dir vor, so gut wie jeder hätte dich aufgegeben. Und dann überleg mal, was es für dich bedeuten würde, wenn plötzlich ein paar hundert Menschen an dich glauben würden.“

Die Gainesville-Spieler trauten ihren Augen nicht. Hinter ihrer Bank sahen sie etwas, das sie noch nie im Leben gesehen hatten: Fans! Und richtige Cheerleader!

„Ich dachte erst, dass die sich vertan hätten,“ sagte Alex (das Gefängnis veröffentlicht nur Vornamen), ein Verteidiger von Gainesville, „die feuerten die Abwehr an, obwohl die Lions eigentlich im Angriff waren. Ich dachte: ´Was machen die da? Wieso feuern die uns an?´“

Es war eine seltsame Erfahrung für Jugendliche, denen die meisten Menschen aus dem Weg gehen. „Wir merken schon, dass die Zuschauer oft Angst haben, wenn wir spielen,“ sagt Gerald, der eine dreijährige Strafe absitzen muss, „man kann es in ihren Augen sehen. Sie sehen uns als Kriminelle an. Aber diese Menschen hier haben uns angefeuert. Sie kannten sogar unsere Namen.”

Vielleicht war das der Grund, warum die Knast-Jungs aus Gainesville das beste Spiel ihrer Saison spielten. Vielleicht lag es auch nur daran, dass Coach Hogan die dritte Abwehrreihe spielen lies. Wie auch immer.

Nach dem Spiel kamen alle Spieler in der Mitte zusammen, um gemeinsam zu beten. Isaiah – einer der Verurteilten – fragte überraschenderweise, ob er auch beten dürfte. Coach Hogan erinnert sich: „Wir hatten keine Ahnung, was dieser Junge sagen würde.“ Isaiah betete. „Herr, ich habe keine Ahnung, wie diese ganze Aktion zustande kam, deswegen weiss ich nicht, wem ich dafür danken kann. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Menschen gibt, denen wir nicht egal sind.“
Es war gut, dass alle ihre Köpfe geneigt hatten, sonst hätten sie vielleicht die Tränen gesehen, die Coach Hogan übers Gesicht liefen.

Auf dem Weg zum Bus bekamen die Spieler noch eine kleine Tüte für die Fahrt nach Hause: Einen Burger, Pommes, ein Getränk, ein paar Süssigkeiten, sowie eine Bibel und einen persönlichen Brief von einem Lions-Spieler.

Als Mark Williams, der Coach des Gefängnis-Teams, Trainer Hogan sah, packte er ihn fest an beiden Schultern und sagte: „Du hast keine Ahnung, was eure Leute für diese Jugendlichen getan haben. Du hast absolut keine Ahnung.“

Bei der Abfahrt quetschten sich alle Gainesville-Jungs auf eine Seite des Buses und drückten ihre Hände ans Fenster. Sie starrten diese Menschen an, die sie noch nie im Leben gesehen haben und die jetzt dort standen, ihnen zuwinkten und lächelten, während der Bus in der Nacht verschwand.
In Zeiten, wo Geld bei vielen nicht besonders locker sitzt, ist es schön zu wissen, dass eins der besten Geschenke, die man verschenken kann, kostenlos ist.

Hoffnung.

Quelle: ESPN

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